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Schule der Zukunft

16.1.2011. KURS-Zentralbüro.

Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung NRW

Forum Personalentwicklung im Diskurs mit Schulministerin Sylvia Löhrmann
„Wir können uns keine hoffnungslosen Fälle leisten.“

Christian Faßbender, Geschäftsführer der Faßbender Tenten GmbH und Co. KG aus Alfter, ist Schulpate. Jährlich kommen etwa 30 Schüler aus fünf verschiedenen Haupt- und Gesamtschulen in einen der OBI-Märkte oder einen Baustoffhandel des Familienunternehmens Faßbender Tenten, um sich für einen Tag umzuschauen. Die Schüler können beobachten, wie beispielweise ein Kunde beim Kauf einer Bohrmaschine beraten wird. Oder sie erfahren, welche Computerprogramme der Einzelhandel benötigt.

KURS heißt dieses Projekt der Industrie- und Handelskammern Bonn/Rhein-Sieg, Köln und Aachen sowie der Handwerkskammer zu Köln und der Bezirksregierung Köln, bei dem es inzwischen 604 Patenschaften gibt, um Schülern einen Einblick ins Berufsleben zu geben. KURS steht für „Kooperationsnetze Unternehmen der Region und Schulen“. Christian Faßbenders Bilanz: „Über dieses Projekt lernen wir unsere zukünftigen Auszubildenden kennen. Vor fünf Jahren hatten wir noch eine Abbruchquote von 30 bis 40 Prozent. Die hat sich seit KURS deutlich verringert. Vor allem mit Jugendlichen, die als Problemfall gelten, machen wir sehr gute Erfahrungen.“ Sein letzter Satz findet Beifall, auch bei Sylvia Löhrmann, stellvertretende Ministerpräsidentin und Ministerin für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen. „Wir können uns keine hoffnungslosen Fälle leisten“, sagt sie. „Wir benötigen jedes Talent für eine stabile Gesellschaft.“

Löhrmann und Faßbender sind zwei Teilnehmer der gut besuchten Podiumsdiskussion mit dem Titel „Stiefkind Wirtschaft? – Schule der Zukunft“, zu der das Forum Personalentwicklung der IHK Bonn/Rhein-Sieg gemeinsam mit dem Bund Katholischer Unternehmer eingeladen hat. Als Auftakt zum Jahresthema 2011 des DIHK mit dem Titel „Gemeinsam für Fachkräfte – bilden, beschäftigen, integrieren“ sucht das Forum bei dieser Veranstaltung nach Wegen, um Schule und Wirtschaft besser miteinander zu vernetzen. Um das Fazit des Abends gleich vorwegzunehmen: Positive Ansätze gibt es genug, nun geht es darum, diese Ansätze zu vertiefen.

„Wirtschaft“ als Unterrichtsfach
Diskutiert wird zum Beispiel über den Modellversuch, bei dem an 70 Realschulen NRWs das Fach „Wirtschaft“ unterrichtet wird. „83 Prozent der Bundesbürger meinen, dass ‚Wirtschaft’ ein Schulfach werden muss“, sagt Michael Swoboda, Hauptgeschäftsführer der IHK Bonn/Rhein-Sieg, in seinem Grußwort. Und Jürgen Hindenberg, Geschäftsführer Aus- und Weiterbildung, ergänzt während seiner Moderation: „Die tragende Rolle des Mittelstandes in unserem Wirtschaftssystem ist Jugendlichen kaum bekannt. Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Arbeitsplätzen werden eher der Politik zugeschrieben.“ Doch dieses Unterrichtsfach könne noch mehr leisten: „Es geht im Fach ‚Wirtschaft’ auch darum, die Jugendlichen auf ihre Rolle als Verbraucher vorzubereiten. Damit sie auch einen Handy-Vertrag verstehen“, erläutert Martin Finke, Leiter der Freiherr-vom-Stein-Realschule in Bonn-Tannenbusch, die an dem Modellversuch teilnimmt.

Ministerin Sylvia Löhrmann hat allerdings nicht vor, „Wirtschaft“ über den Modellversuch hinaus als Unterrichtsfach einzurichten. „Es ist unstrittig, dass Schule mehr Einblicke in die Wirtschaft geben muss“, entgegnet sie. „Streiten kann man über die Form.“ Sie plädiert dafür, die Unterrichtsinhalte in anderen Fächern unterzubringen. „Ich bin keine Freundin von Einzelfächern, sonst müsste ich auch Fächer wie ‚Europa’ oder ‚Gesundheit’ einführen.“

Hochschulen als Scharnier
Auch den Hochschulen kommt bei der Vernetzung von Schule und Wirtschaft eine wichtige Rolle zu. „Wir verstehen uns als Scharnier“, sagt Prof. Dr. Wiltrud Terlau, Vizepräsidentin der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg und am Fachbereich Wirtschaft in Rheinbach tätig. „Wir bieten Lehrern an, an die Hochschule zu kommen und zu sehen, was wir im Fach VWL unterrichten. So können Lehrer Schüler bereits während der Schulzeit auf ein späteres Studium vorbereiten.“ Die Hochschule bietet den Schülern die Möglichkeit, bereits vor Beginn des ersten Semesters eine Klausur zu schreiben. Wer so nachweist, dass er bereits über das Wissen aus dem ersten Semester verfügt, kann gleich mit dem zweiten Semester beginnen. „Wir empfehlen, die Schüler früh auf ihre Studienwahl vorzubereiten. Denn wenn sie das falsche Fach wählen, entstehen ökonomische Verluste, die der Steuerzahler trägt.“

Das Podium ist sich einig, dass die jungen Menschen, die eine Perspektive suchen, in den Mittelpunkt aller Bemühungen gestellt werden müssen. Sie seien die Fachkräfte von morgen. Sorgen bereite allerdings, dass einigen die Zuversicht fehle. „Doch gerade die Zuversicht ist ein Motor, um einen eigenen Weg zu finden“, sagt Realschulleiter Martin Finke. „Wir müssen jungen Menschen die Chance zur Persönlichkeitsbildung geben“, ergänzt Dr. Ralf Mittelstädt, Hauptgeschäftsführer der IHK-Vereinigung NRW. Er ruft die Unternehmer dazu auf, weitere Patenschaften mit Schulen einzugehen.

Schulministerin Sylvia Löhrmann nimmt das Angebot zur Zusammenarbeit dankbar auf. „Es ist uns im bildungspolitischen Diskurs gelungen, abzurüsten und Feindbilder abzubauen“, sagt die Grünen-Politikerin. „Wir müssen alle an einem Strang ziehen.“ Zum Ende des Abends erhält sie ein Geschenk. Christian Faßbender überreicht der überraschten Ministerin einen Rucksack und packt ihn vor aller Augen aus. „So einen Rucksack bekommen all unsere neuen Auszubildenden“, sagt er, während er eine große runde Dose Haribo herauszieht. „Darin ist Nahrung für Körper und Geist.“ Mit dabei ist auch ein Buch für die jungen Auszubildenden mit dem Titel: „Das Abenteuer deines Werdens“.
Ursula Katthöfer

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